Psychologische Praxengemeinschaft Offenbach am Main
 
 
 
 
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Trauma


Jeder Mensch erlebt im Laufe seines Lebens Situationen, die er als mehr oder weniger belastend erlebt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht in den Nachrichten über Unfälle, Naturkatastrophen, Gewalttaten oder Kriegshandlungen informiert werden, bei denen unzähligen Menschen körperlicher und seelischer Schaden zugefügt wurde.

Ein psychisches Trauma ist ein Ereignis, das plötzlich und unerwartet eintritt, das als unausweichlich erlebt wird und alle verfügbaren Bewältigungsmechanismen der Person übersteigt. Es ist also ein intensives Diskrepanzerlebnis zwischen einer bedrohlichen Situation und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten. Dieses Diskrepanzerlebnis geht einher mit Gefühlen der Hilf- und Schutzlosigkeit in dessen Folge das Selbstverständnis des Betroffenen und seine Sicht der Welt insgesamt erschüttert werden können. Dies ist besonders bei den von Menschenhand verursachten Traumatisierungen (z. B. Gewalttaten, sexualisierte Gewalt, Folter) der Fall. Ein Trauma kann eine akute Belastungssituation sein, aber auch länger andauernde, chronische Belastungen. Chronische Belastungen erschöpfen den Menschen und sie sind auf Dauer stärker als die Fähigkeiten der Person, ausreichend zu regenerieren.
Von einem sozialen Trauma spricht man, wenn jemand in einer Situation, in der er die Unterstützung des sozialen Umfeldes erwartet und gebraucht hätte, diese nicht erhält. Die erwartete Anerkennung und das Verständnis für das eigene Handeln bleibt aus, die Sinnhaftigkeit der Handlungen wird zerstört oder gar ins Gegenteil verkehrt.

Beispiel: Die Kassiererin eines Supermarktes gibt bei einem bewaffneten Überfall zügig die Geldkassette heraus, um das Leben der Kundin, der einer der Täter die Pistole an den Kopf gesetzt hat, nicht zu gefährden. Kurz nachdem die Täter fliehen, wird sie vom herbei geeilten Filialleiter gemaßregelt, warum sie nicht den Alarmknopf gedrückt hätte. Auch in den folgenden Gesprächen mit Kollegen gibt es mutige Maulhelden, die sie fragen, warum sie die denn habe entkommen lassen. Auch die Versicherung versucht, ihr eine Teilschuld anzulasten, da sie eine Sicherheitsmaßnahme nicht aktiviert habe.

Traumafolgen

Jedes Trauma löst im menschlichen Organismus Stressreaktionen aus, die das Ziel haben, die körperliche und seelische Stabilität wieder herzustellen bzw. das Überleben des Betroffenen durch Kampf-, Flucht- oder Stillhaltehandlungen zu sichern. Die während und nach einer Traumatisierung auftretenden Symptome stellen also natürliche Anpassungsleistungen des Organismus an anormale äußere Situationen dar. Diese Stressreaktionen haben ihre Ursache in hochkomplexen neurophysiologischen und psychischen Vorgängen. In der neueren Forschung spricht man deshalb auch von "Posttraumatischer-Stress-Verarbeitungs-Störung", wenn man die Folgen von belastenden Ereignissen oder Traumatisierungen meint. Wenn diese Anpassungsreaktionen nach dem traumatisierenden Ereignis nicht abklingen, das Trauma also nicht angemessen verarbeitet werden konnte, dann werden sie zu einem behandlungsbedürftigen Symptomenkomplex, der sog. Posttraumatischen Belastungsstörung. Welches Ausmaß die Symptome haben, hängt unter anderem von den Vorerfahrungen der Person ab und von der unmittelbaren Reaktion während des Traumas.

Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Als physiologische Grundlage der Symptome gilt eine veränderte Informationsverarbeitung im Gehirn während des traumatischen Ereignisses. Das Erinnerungsvermögen kann nach traumatischen Ereignissen durch Amnesie und andere Formen von Gedächtnisstörungen beeinträchtigt, sogar regelrecht ausgeschaltet sein. Aber auch das Gegenteil tritt ein: Die Erinnerung an das Geschehene tritt ungewollt und plötzlich ins Bewusstsein. Diese Nachhallerinnerungen, Flashbacks genannt, treten tagsüber auf und sind oft mit Konzentrations- und Leistungsstörungen verbunden. Die Betroffenen erleben - ohne dass sie das wollen oder bewusst herbeiführen - die Situation der Traumatisierung oder Teile davon wieder, so als würde sie jetzt stattfinden. Ausgelöst werden können solche Flashbacks durch Gerüche, Geräusche, Gegenstände, Körperempfindungen, Farben usw., die in irgendeiner Weise an Aspekte des traumatisierenden Ereignisses erinnern. Nachts kommt es häufig zu Alpträumen und den sog. Traumunterbrechungs-Schlafstörungen, d.h. die Person schreckt aus dem Alptraum hoch und dies kann mehrmals in der Nacht auftreten. Der Schlaf und die notwendige Erholung wird dadurch massiv gestört. Flashbacks und Alpträume stellen eine Dauerbelastung für Körper und Seele dar.

Während manche Betroffene unter Gefühlen des Betäubtseins leiden oder sich teilnahmslos fühlen, zeigen andere eine erhöhte Erregbarkeit und starke Schreckhaftigkeit. Aber auch das Gefühl, neben sich zu stehen, aus sich herauszutreten und das Geschehen wie von außen zu erleben (Depersonalisation), kann auftreten. Die Stimmungslage ist meist durch Angst und Depressionen bestimmt.

Der menschliche Organismus ist in der Lage, bei Traumatisierungen intensiv wirkende Schutzmechanismen zu entwickeln, um die betroffene Person vor der vollständigen seelischen Zerstörung zu schützen. Dazu gehört z. B. die Fähigkeit zur Dissoziation. Sie begegnet uns im Alltag z. B. beim Lesen, wenn wir versunken in den Lesestoff die Umgebung um uns herum vergessen.

Extremsituationen können verschiedene Formen von dissoziativen Mechanismen auslösen, die akut den Organismus schützen, langfristig bestehend jedoch schwerwiegende Beeinträchtigungen darstellen:

  • Amnesie (Unfähigkeit, sich an wichtige Aspekte des eigenen Lebens zu erinnern)
  • Derealisation (die Umgebung oder Teile davon nicht adäquat wahrnehmen zu können, ohne dass die Funktion der Wahrnehmungsorgane eingeschränkt ist)
  • Depersonalisation (Gefühl der Losgelöstheit von Körper; Schmerzunempfindlichkeit; neben sich stehen bei intakter Realitätskontrolle)
  • Dissoziative Fugue (sich plötzlich an einem anderen Ort vorzufinden, ohne zu wissen, wie man dort hingekommen ist)
  • Dissoziative Bewegungs-, Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen (z. B. Lähmungen, Koordinationsprobleme, Taubheitsgefühle, Kribbeln)
  • Dissoziative Identitätsstörung (ein oder mehrere Persönlichkeitszustände, die über einen eigenen Willen verfügen, übernehmen zeitweilig die Kontrolle über den Körper; die individuellen Unterschiede dieser Persönlichkeitszustände können von anderen Menschen über die Zeit hinweg wiedererkannt werden).

Diese und weitere Symptome als Folge eines Traumas, stellen eine starke emotionale Belastung für Betroffene und eine oft weitgehende Beeinträchtigung ihrer Alltagsbewältigung dar. Unbehandelt entstehen dadurch auf die Dauer hohe persönliche, aber auch gesellschaftliche Kosten.

Gabriele Böhmer


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